Datum
23. November 2017
Autor
von Linda Sonntag
Thema
Ausbildung

Dressurlehrgang mit Horst Becker

4.6 von 5 Sterne, 9 Bewertungen

Dressurlehrgang mit Horst Becker – Die Auswertung

Die Ausgangsfrage „Verzauberung oder Hokuspokus?“ konnte sich klären. Lest selber - Dazu aber später mehr…

Verzauberung oder Hokuspokus? -
Lehrgang mit Horst Becker


Die Erwartungen an den Lehrgang mit Horst Becker auf dem Josenhof waren gross. Eigentlich sind die Erwartungen immer gross – denn 3 Tage Lehrgang mit 2 Pferden bedeutet Einstallen, Hotel buchen und in diesem Fall noch eine 2,5 stündige Fahrt. Also muss es sich lohnen!

Wir (mein Pferd Rolls Royce und ich), sind bei durchwachsenem Wetter auf der traumhaften Anlage bei Familie Kutter angekommen. Die weißen Weidezäune konnte ich schon aus der Ferne erkennen. Die Gastboxen wurden von dem Inhaber, Oliver Kutter, erst vor kurzem neu an der Außenseite der Halle aufgerichtet. „Das mit der Wasserleitung habe ich noch nicht geschafft“, sagt Oliver (wir Duzen uns gleich), weil der Hof vor zwei Wochen noch bezüglich einer anderen Renovierung offenen Löcher aufwies. Kein Problem - die Boxen sind riesig und mit tollem Ausblick. Und wenn es Rolls Royce gut geht, geht es mir auch gut.

Tag 1: Zügel wie Fahrleinen

Für mich, eine in der Schweiz lebende Deutsche, eine Tortur!

Um 13 Uhr soll es losgehen. 13.15 Uhr - Stille. Für mich, eine in der Schweiz lebende Deutsche, eine Tortur! Warten. Ruhe. Auf die Uhr schauen.

Dann war Horst Becker da und es musste plötzlich ganz schnell gehen. „Es geht jetzt los, wir treffen uns in der Halle“, hieß es. Er begann seinen Lehrgang mit einer kurzen Vorstellungsrunde aller 7 Teilnehmer und erkundigte sich nach deren Erwartungshaltung. Horst lächelte, hörte geduldig zu und erwähnt zum Schluss, dass er uns nicht die ganze Zeit korrigieren würde. Das soll nicht als Desinteresse seinerseits verstanden werden, sondern soll uns Raum geben, um unsere Handlungen zu spüren. Denn er wird ja nicht immer neben uns stehen können. Das klingt einleuchtend für mich, aber stille Beobachter, die alles besser wissen, habe ich im heimischen Stall auch. Ich bin gespannt auf die kommenden Einheiten.

„Zügel länger lassen und hör´ auf zu stricken“

Ich durfte den Anfang machen. Selbstverständlich gibt Horst Becker nur Einzelstunden und keinen Gruppenunterricht. In Windeseile habe ich Rolls Royce hergerichtet und war innerhalb 5 Minuten in der Halle. Nach weiteren 5 Minuten war Horst bei mir – „komisch“ - ich hatte die Zügel noch nicht aufgenommen, von warmreiten keine Spur. Dann sagte er, „Reite bitte so, wie du zu Hause auch reitest“. Alles klar - das kann ich!

Aufrichten, Zügel kürzen und Paraden geben, damit die Vorwärts-Abwärts-Haltung deutlich zu sehen ist. Ich muss gestehen, ich gehöre zu den Reitern, die am Anfang gerne „schön tief“ einstellen. Da Rolls Royce kein „feinmäuliges Lamm" unter dem Sattel ist, nehme ich auch gerne mal etwas deutlicher die Zügel an. Und da kam auch schon die erste Korrektur: „Zügel länger lassen, den Schritt deutlich langsamer reiten und einfach schön locker sitzen“. Ich gebe mein Bestes. Nach 30 Sekunden kam von Horst: „Zügel länger lassen und hör auf zu stricken“. Was soll ich? „Du strickst und häkelst deinem Pferd am Maul rum, wie soll er denn entspannen?“ OK - also Zügel lang, Hand ruhig. Ich bemühe mich echt! „Stopp! Komm mal her! Halte die Zügel mal so“.  Ich soll die Zügel wie Fahrleinen halten; also nicht von unten durch den Kleinen- und Ringfinger hindurch, sondern von vorne zwischen Zeigefinge und Daumen führen. Nun fühle ich mich wie der größte Depp.  Ich frage warum. „Weil das unterbewusste Handeln auf die Zügelhaltung fixiert ist. Wenn dieser Punkt unterbrochen wird, können die Handlungen wieder neu konditioniert werden“. Ich gebe weiterhin mein Bestes. Und siehe da - es wird besser. Verrückt. Der Punkt vor Scham im Boden zu versinken, ich hatte sicherlich 10 Zuschauer, war überwunden. Nun konnte es nur besser werden. Und das wurde es. Die ersten 40 Minuten haben einiges in mir bewegt.

Am Abend waren alle Teilnehmer, Horst und die Familie Kutter im Wirtshaus um die Ecke essen. Es war eine ausgelassene und harmonische Stimmung.

Tag 2: Wundervoll auf Kandare

Neues lernen und Altes loslassen - nicht meine Paradedisziplin

Am nächsten Morgen geht es um 8.00 Uhr los. In dieser Einheit liegt der Schwerpunkt auf der neu erlernten Zügelhaltung, auf meinem Sitz und auf Rolls Royce Hinterhand. Alle Übungen werden im Schritt durchgeführt – mit viel Ruhe.

Ich muss lockerer werden, mit der Hüfte nicht so blockieren und der Bauchnabel soll in die Richtung schauen, wo es hingehen soll. Ich fühle mich häufig etwas unmotorisch und spüre den inneren Drang die Zügel kürzer zu nehmen um mehr Einfluss auf die Vorwärts-Abwärts-Bewegung nehmen zu können. Horst ist der Meinung, dass es nicht schlimm ist, wenn er nicht ganz in der Anlehnung geht. Für mich fühlt es sich extrem schlimm an. Aber wir sind ja zum Lernen hier.

Roys Hinterhand ist etwas langsam – er tritt nicht besonders gerne unter den Schwerpunkt. Das Übertreten lassen und das ruhige Schrittgehen wirkt Wunder. Ich spüre die einzelnen Beine immer deutlicher und merke wie er schneller und sensibler reagiert. Als es an die Galopparbeit ging verkrampfte sich mein Körper deutlich. Ich spüre, dass mir die Selbstverständlichkeit und das Genießen abhanden geraten. Ich galoppiere an und spüre meine Hektik. Horst wohl auch und lässt mich wieder durchparieren. Er fragt mich wie die Hilfe für den Galopp geht. „Aufrecht sitzen, Pferd mit einer halben Parade außen vorbereiten, innere Hand vor, äußeres Bein zurück, Kreuz anspannen und dann mit dem inneren Unterschenkel den Galopp auslösen. Dann jeden Galoppsprung einzeln auslösen“. Das hört sich nach sehr viel an sagt Horst. „Probiere es mal mit Weniger. Gebe außen einen kleinen Ruck (Karree) wie er sagt und löse innen weich aus. Das ist es schon“.  Siehe da nach einigen Versuchen klappt es sehr gut und mein Stress Empfinden hat sich um ein 1000stel reduziert. Aha, so einfach kann es also sein.  

Hände - wie von kleinen Engeln geführt

Nach einem lecker schwäbischen Mittagessen mit Maultaschen geht es gestärkt um 14.00 Uhr weiter. Diesmal mit Kandare. Ich bin Rolls Royce bis jetzt erst einmal mit Kandare geritten. Es hat zusammen mit Horst erstaunlich gut funktioniert. Nach einigen Minuten schaut Horst mich etwas verschmitzt an und sagt: „Du reitest Rolls Royce mit Kandare wesentlich schöner als mit Trense. Deine Hände sind so ruhig. Du hast wohl Angst vor dem scharfen Gebiss, was?“ Und ja - das stimmt. Meine Hände sind auf Mal wie von kleinen Engeln geführt. Ich fühle mich wohl, Rolls Royce auch. Es ist einer der wenigen Momente, ich denen ich das Gefühl habe, Horst ist zufrieden mit mir.

Die weiteren 3 Einheiten verliefen ähnlich. Häufig waren im ersten Schritt noch Irritationen meinerseits vorhanden, aber Horst sollte mit seinen Korrekturen, Äußerungen und Ideen zur Umsetzung immer Recht behalten.

Tag 3: Super Bedingungen auf der
Anlage von Familie Kutter
auf dem Josenhof

Die Teilnehmer

Die Gruppe bestand aus 7 Teilnehmern – Altersklassen und Stilrichtung bunt gemischt. Zwei klassische Dressur (Turnier) Reiter; eine Springreiterin; ein Isländer mit einer jüngeren Para-Reiterin; zwei Reiterinnen mit Lusitanos und ein Reiter mit einer wundervoll ausgebildeten Stute.
Wir sind alle selber geritten. Horst sagt, er reite nur im Notfall, wenn ein Teilnehmer das wirklich möchte. „Die Schüler sollen hier die Möglichkeit haben zu lernen und zu fühlen. Wenn ich drauf sitze, können sie beides nicht“

Das Fazit

Bei meiner bisherigen Reitausbildung, hätte ich mir gewünscht, schon früher einen Lehrgang dieser Art besucht zu haben. Ich glaube zwar nicht, dass ich technisch besser geworden bin, aber meine Einstellung zum „feinem Reiten“ und zu Rolls Royce hat sich geändert. Ich habe gefühlt wie schön es ist, sein Pferd mit wenig Druck zu reiten. Hier möchte ich in Zukunft weiterhin an mir arbeiten. Natürlich muss ich mir einen Mittelweg für die Turniersaison überlegen, denn hier sollten die Lektionen auch weiterhin funktionieren. 

Die Kosten

380 Euro für 2,5 Tage hören sich zunächst hoch an. Und ja ein Schnäppchen ist es nicht. Dafür bekommt jeder Reiter 5 individuelle Trainingseinheiten von ca. 40 Minuten. In der einen oder anderen Einheit möchte man absteigen und Horst sagen - „mach es doch selber“, aber dann kommen die Momente in denen man das Gefühl hat mit seinem Pferd Eins zu werden. 

Für wen ist dieser Lehrgang geeignet? 

  • Für Reiter, die bereits ein gewisses Reit-Niveau erreicht haben. Ich würde sagen, ab A Dressur macht es Sinn.
  • Für Reiter, welche noch einen anderen Weg mit ihrem Pferd oder Pony gehen möchten - ohne ständigen Druck und ein stätiges „Parade geben!
  • Für Reiter, die ein Gefühl von feinstem Reiten erlernen möchten ohne auf die Grundlagen der klassischen Reiterei zu verzichten.

Horst ist für alle Teilnehmer und Stilrichtungen offen. Auch Westernreiter und eben auch Springreiter können viel von seinem großen Erfahrungsschatz lernen. Er ist kein Turnierreiter und richtet seine Kurse auch nicht dahingehen aus. Für gezieltes Turniertraining (was möchte ein Richter sehen) sollte sicherlich ein anderer Trainer zusätzlich aufgesucht werden.

Wer nicht direkt den Kurs buchen möchte, sollte einfach mal zum Zuschauen vorbeikommen. So kann schnell die Einstellung und Zielgebung von Horst Becker erkannt werden.

Kontaktiert mich

Falls ihr noch weitere Fragen zu dem Kurs habt, scheut euch nicht mich zu kontaktieren. Ich freu mich schon auf den nächsten Lehrgang und werde dann wieder ausführlich berichten

Mehr Informationen zu den Lehrgängen von Horst Becker: horstbecker.com

Mehr Informationen zum Rosenhof der Familie Kutter: josenhof-kutter.de/ueber-uns/willkommen/

Bildquelle: © amZügel

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Kommentare

4.6 von 5 Sterne, 9 Bewertungen

Lehrgang mit Horst Becker

Genau diese positiven Erfahrungen habe ich als Zuschauerin auch bei unserem 2-tägigen Lehrgang mit Horst Becker gemacht. Sehr überraschende, positive Ergebnisse gesehen und einen tollen, ehrlichen Menschen mit viel Liebe zum Pferd erlebt.
Super geschrieben!

Super geschrieben 

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